Tag #37 (Gibraltar) – Wie wichtig ist ‘self determination’ bei der Unternehmung?

Wir haben gezögert. Uns war nicht wohl. Die Wettervorhersage sprach von 34kn Wind in den Spitzen – das ist Windstärke 8, Sturmstärke . Nicht, dass das irgendeine Gefahr darstellt. Die ARGO ist sehr stabil, und wir haben gerade letzte Woche 30kn ganz lässig abgesegelt.

Aber es kann immer etwas kaputt gehen bei viel Wind. Und das bedeutet zusätzliche Arbeit und zusätzliche Kosten. Und das wollen wir vermeiden, soweit es möglich ist.

Wir machen einen Landgang, in Main Street Gibraltar. Very British, an der Südspitze Europas. Ein Shop reiht sich an den anderen. Alles ist zu haben – Souvenirs, Mode, Uhren, Elektronik – alles steuerfrei. Hin und wieder eine Bank – manche, von denen man schon einmal etwas gehört hat, andere völlig unbekannte – sicher auch steuerfrei. Main Street ist, neben dem Affenfelsen und der Landebahn des Flughafens, DIE Sehenswürdigkeit von Gibraltar. Deswegen werden Massen von Touristen mit Bussen und Flugzeugen hierher gekarrt. Kauf Dir was in Gibraltar, natürlich steuerfrei. Wir kaufen uns ein Feuerzeug. Und natürlich Fish & Chips, eine Portion geht durch vier.

Wir können unser Glück kaum fassen – wir verschwenden die Zeit gemeinsam. Einfach so und ohne schlechtes Gewissen. Es gibt sicher viel zu tun, aber das kann durchaus warten. Wir machen Landgänge oder hocken auf unserem Boot, gehen baden, lesen, schauen in die Smartphones oder fischen – wenn wir nicht gerade von A nach B segeln. Die Abende verbringen wir mit Spielen oder Filmgucken. Zur Zeit sind wir auf “Monk” hängengeblieben. Ist familienkompatibel, lustig, leicht schräg. Die ganze Zeit sind wir vier plus Vu zusammen. Nur gelegentlich lernen wir neue Menschen kennen. Gibt es so etwas wie Familien-Autismus? Uns wird es nicht langweilig miteinander. Wir sind völlig happy miteinander, und das schon seit Wochen.

Bei Landausflügen geben wir alles!
Bei Landausflügen geben wir alles!

Eigentlich war der Besuch auf dem Affenfelsen nicht im Plan. Unsere Abreise hatten wir am Vortag verschoben, nicht nur wegen dem Wind. Ab Gibraltar Richtung Westen spielen Tiden wieder eine Rolle und ich muss mich in die Gezeitennavigation einarbeiten. Der Oberflächenstrom setzt nach Osten (mit dem hatte sich “Das BOOT” ins Mittelmeer spülen lassen), der Tiefenstrom transportiert das salzigere Mittelmeerwasser westwärts in den Atlantik. Mit dem Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser verändern sich diese Strömungen noch einmal. Und dann gibt es noch Internal Waves – irgendwo steigt das Tiefenwasser plötzlich an die Oberfläche und verursacht zusätzlichen Seegang. Es ist etwas verwirrend. Zum Glück haben wir einen Gezeitenatlas, und der zeigt Strom Richtung Westen in der Straße etwa drei Stunden nach Hochwasser in Gibraltar. Alles fast richtig gemacht, nur noch die Uhrzeit richtig bestimmen: Denn Gibraltar hat eine andere Uhrzeit als Spanien. Die Abfahrtzeit wurde am Vortag mit 11 Uhr berechnet.

Arabien ist nicht weit
Arabien ist nicht weit

Heute um 8 Uhr zeigte dann die Wettervorhersage 20kn mit den Böen in Sturmstärken. Hier war das Unwohlsein wieder, was wir immer wieder haben vorm schwierigen Abfahrten. Und das zieht sich durch die Reise wie ein allgemeines Thema: Unsicherheiten und Ängste überwinden. Unsere Hirne sind Meister darin, uns Szenarien zu projezieren, was alles so passieren kann. Schreckliche Ereignisse und was-alles-so-schief-gehen-kann können wir uns offenbar leichter vorstellen. Unsere Freunde fragen uns auch immer wieder: “Habt Ihr keine Angst?” Doch – immer wieder. Es kommt immer wieder vor. Und immer wieder müssen wir es überwinden. Man gewöhnt sich dran, je häufiger man auf See ist. Wir lernen, dass unsere Fantasie hier einen Streich spielt. Go seaborne.

Aufstieg geschafft
Aufstieg geschafft

Von der Main Street schlängelt sich der Weg den Berg hinauf. Es ist schwül-warm, wir gehen zu Fuß und schwitzen. Eine große Wasserflasche und Lenas Handtasche mit den Pässen sind unser einziges Gepäck. Ab und zu rast an uns ein Sammeltaxi vorbei, das Touristen auf den Berg bringt. Schon bald treffen wir auf die erste Makakenfamilie. Die Taxis sind an ihnen vorbei gefahren, die Touristen können sie aber aus den Autofenstern sehen. Gibraltar ist der einzige Ort in Europa, wo Affen frei leben. Sie werden gefüttert und gepflegt, denn solange sie auf Gibraltar leben, wird es zur britischen Krone gehören, sagt die Legende. Die Familie ist happy, die Affen sehr friedlich und ohne Scheu. Eigentlich beachten sie uns nicht. Lena nestelt an ihrer Handtasche. Schon hat sie die volle Aufmerksamkeit der Makakenbande. Einer versucht über ihre Schulter etwas aus der Tasche zu klauen. Versuch vereitelt. Foto leider nicht gemacht.

BREXIT ist derzeit überall
BREXIT ist derzeit überall

Am 10. September ist der Nationalfeiertag Gibraltar’s. Die Stadt hängt voll mit Fahnen – “Union Jack” und Gibraltar-Fahne hängen immer als Paar. „Self-determination“ ist das große Motto – gegenüber dem Königreich und vor allem auch gegenüber Spanien. Ein völlig überzeugendes Narrativ: Gibraltar ist sehr speziell, anders, und die Bewohner wollen ihre lokale Belange selbst in die Hand nehmen. BREXIT ist auf einer ähnlichen Logik entstanden (gefüttert durch einige Unwahrheiten über die EU – Boris, thank you very much!) und ist deswegen – ob man nun rational zustimmt oder auch nicht – kaum aufzuhalten. Ähnlich wie in die Autonomie Kataloniens. Aber warum so viel Angst vor dem BREXIT oder anderen “self-determinations” besteht, bleibt unklar. Offenbar besteht die Angst davor, dass irgendetwas kaputt gehen könnte. Die Wirtschaft wird immer genannt – obwohl die heute so komplett grenzüberschreitend ist, dass keine Regierung der Nationalstaaten dem regulativ etwas dauerhaft entgegenzusetzen haben.

So kennt man Gibraltar
So kennt man Gibraltar

Zölle? Schauen wir mal, wer wie lange Zölle im globalen Wettbewerb durchhalten kann. Sicher wird das eine oder andere “kaputtgehen”, dafür werden Populisten schon sorgen, denn wir geben ihnen die notwendige Macht dafür. Aber wird jemals wieder die Mehrheit der Menschen “harte Grenzen” akzeptieren? Die Iren ganz sicher nicht, das ist jetzt schon ganz klar. Aber auch die Briten nicht, und die Gibraltaner auch nicht. Weder die Katalanen noch die Spanier. Deutsche, Italiener und Franzosen schon gar nicht. Und die globale Wirtschaft sowieso nicht. Auf der Landebahn von Gibraltar, über die jeder laufen muss, der nach Gibraltar will, wird uns noch einmal klar: Die Epoche der Nationalstaaten mit festen Grenzen, Mauern und Wachsoldaten hat ihren Zenit überschritten: Wir wedeln nur mit der Vorderseite unserer Pässe und die Grenzkontrolle zwischen Spanien und Gibraltar ist erledigt. Vu wird gar nicht beachtet, obwohl er sogar zwei Pässe hat. Die Zeiten haben sich geändert, und zwar zum Besseren. Auch wenn es Rückschläge geben kann (die durchaus Jahre oder Jahrzehnte dauern können), der Trend zur Freizügigkeit, zu offenen Grenzen ist nicht mehr zurückzudrehen. Grenzmauern wird es immer weniger geben. Zu viele Dinge unseres Alltags ignorieren schon heute diese Grenzen von Nationalstaaten – und zwar vollständig. Man kann das Internet nicht dauerhaft abschalten oder zensieren und den Menschen ihre Smartphones wegnehmen und selfies verbieten. Die Welt verändert sich, und in vielen Dingen (nicht in allen, ganz klar) zum Besseren.

Fish & Chips, leider nicht im Zeitungspapier (wie es sich gehört)
Fish & Chips, leider nicht im Zeitungspapier (wie es sich gehört)

Wir sind wieder zurück über die Grenze im spanischen La Linea de la Constitución, wo die ARGO vor Anker liegt. Der Samstag Abend wird lang. Bevor wir wieder an Bord sind, ist es 22 Uhr. Noch immer verspüren wir keinen Zeitdruck – das ist unsere kleine Variante von ‘self determination’, unsere persönliche Freiheit. Das war noch nie so in den letzten 20-25 Jahren. Es ist spät und morgen wollen wir los. Das ist so, als wäre morgen ein Arbeitstag, denn es gibt viel zu tun: die ARGO muss noch seefest gemacht werden: alles muss eingeräumt und weggestaut werden, an Deck muss alles befestigt werden. Morgen steht das Boot samt unseres derzeitigen Wohnzimmers wieder schräg. Schließlich wollen wir eine der befahrensten Seestraße der Welt queren: die Straße von Gibraltar. Die Abfahrt fällt uns leicht, es ist gut, dass wir gewartet haben. Aber es wird Zeit, weiter zu segeln.

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