Tag #100 – Ein erstes Resümee: „Don’t rush, don’t push… busy is a choice“

Am 100. Tag unserer Reise liegen wir eingeweht auf La Gomera. Unsere Abfahrt zu den Kapverden verzögert sich. Zeit für Reparaturen am Boot, Wanderungen an Land. Sowie ein erstes Resümee unserer Reise.

Leben wir den Traum? Sind wir im „Traumleben“ angekommen? Haben die Reiseeindrücke uns verändert? Werden wir alte Gewohnheiten los?

Alle Cruiserfamilien stehen vor den gleichen Hürden

In diesem Jahr sind wir bereits 3.000 sm gesegelt. Wir waren in fünf Ländern, 28 Häfen und unzähligen Ankerbuchten. In Spanien, Marokko und den der Kanaren haben wir viele neuen Freunde gefunden. Cruiser-Paare, -Familien und -Singles. Französische Familien auf teilweise abenteuerlichen Booten (eines sinkt gerade, quasi). Skandinavische Familien auf Atlantikrunde. Neuseeländer mit Kind, Neuseeländer mit Gästen – alle mit sensationellen Segelstories. Ein russischen Treibstoffhändler, der gerade Segeln lernt. Ein Pastor aus Hamburg, eine Sozialarbeiterfamilie aus Bremen und eine Tramperin über den Atlantik aus Heidelberg. Die deutsch-französische Familie, deren 9 jähriger Sohn bei uns anheuern wollte. Alle saßen bei uns an Bord und haben uns ihre Geschichten erzählt. Die erstaunliche Erkenntnis: Alle sind mit den fast identischen Schwierigkeiten konfrontiert. Damit umzugehen und zu leben, ist offenbar Teil der Reise – auch unserer.

“Don’t rush – Seebeine wachsen in den ersten drei Tagen.“

Vor unserer Abfahrt haben viele Freunde – sogar sehr enge – gesagt: „Ich würde so gerne auch mal Segeln, so wie ihr. Aber ich werde leider seekrank – deswegen werde ich wahrscheinlich nie segeln.“

Unsere erste Erkenntnis ist: Fast jeder wird seekrank. Wir haben kein einziges Boot getroffen, auf dem Seekrankheit kein Thema ist, verbunden mit einer Abneigung oder sogar Angst vor Passagen. Auf jedem Boot sind die ersten Tage auf See für einige eine Qual. Alle können befallen werden – selbst Kinder. Und unser Bordhund Vu auch.

Trotzdem fahren alle los, auch wenn es vielleicht mal etwas länger dauert. Trotz Umwohlsein und trotz der leichten Angst.

Die Ursachen von Seekrankheit sind vielfältig. Die eigene Unsicherheit, die Angst vor dem Unbekannten da draußen auf See, ist der entscheidende Auslöser. Ist der Wind nicht zu stark? Hält das Boot? Wie wird es mir gehen? Wir wird es den Kindern gehen? Wird etwas wichtiges kaputt gehen?

Das ist keine Angst im Kopf, gegen die man selbst angehen kann, in dem man den „self talk“ verändert. Vielmehr ist es eine körperliche Angst: das Schiff bewegt sich und signalisiert unseren Körpern, dass die Welt wörtlich „aus den Fugen“ gerät: Oben ist nicht mehr oben, und die Schwerkraft wirkt auch nicht immer so, wie auf der Couch zu Hause.

Erst nach etwa drei Tagen versteht der Körper: „Okay – das Schiff bewegt sich. Es ist immer die selbe Bewegung. Trotzdem funktioniert die Welt immer noch.“ Somit wachsen die „Seebeine“, mit denen man sich viel besser über das schwankende Deck und durch die schaukelnde Kabine bewegen kann. Die Aufgaben als Crew- und Familienmitglied werden wieder wahrgenommen und das Leben an Bord normalisiert sich.

Dieser körperliche Prozess läuft beim einen schneller, beim anderen langsamer ab. Jeder hat SEINEN Stoffwechsel, seine Brennrate und seine Geschwindigkeit. Doch der Anpassungsprozess endet immer mit dem gleichen Ergebnis: Eingewöhnung. „Seebeine“. Bewegungen an Bord werden geschmeidiger und angepasst zur Schiffsbewegung. Die Übelkeit ist weg und der Appetit stellt sich wieder ein. Das gute Leben an Bord kann beginnen.

Alle Cruiser haben ihre Strategien zum Umgang mit Seekrankheit, abgestimmt auf die individuellen Stoffwechsel der Besatzung. Die häufigsten sind:

  • Medikamente (meist Stugeron; Scopolamine nur für die ganz harten Fälle) bereits vor dem Auslaufen nehmen.
  • Histamin-arme Diät: industriell verarbeitete Lebensmittel und Alkohol bereits ein Tag vor Abreise meiden. Dazu gehören Schinken, Salami, Schokolade und vieles mehr. Vitamin C soll auch helfen.
  • Warm anziehen und auf ausreichend Sonnenschutz achten.
  • Beschäftigung an Bord. Stundenlanges Ruder gehen lässt manchen Seekrankheit schlicht vergessen, denn man setzt sich aktiv mit den Schiffsbewegungen (Schiff durch die Welle steuern) auseinander.
  • Viel Schlaf, am besten in einer ruhigen Leekoje in der Mitte des Schiffes. Wenn die teils fieberhaften Träume nachlassen, ist die Seekrankheit auch vorbei.
  • Stures Durchbeißen. Bemitleiden verstärkt nur die körperliche Angst und verlängert die Anpassungsphase. Besser ist es, Betroffene eingepickt ans Ruder zu stellen oder in die Koje schicken. Und darauf achten, dass sie (gerade bei Erbrechen) genügend Tee zu sich nehmen und auch etwas Zwieback essen.

Normalerweise bessern sich die Symptome zum Ende des zweiten Tages (seltener erst am dritten) und es stellt sich Bordroutine ein.

Seekrankheit ist an sich nichts schlimmes. Nur bei zusätzlicher Erkrankung oder technischen Problemen mit dem Boot wird Seekrankheit zum Risiko.

Für die Eingewöhnungszeit muss man lediglich Wach- und Ernährungspläne anpassen. Wenn dem Smutje unwohl ist und deswegen die Küche kalt bleibt, ist es umso besser, wenn im Hafen für die ersten Tage schon vorgekocht wurde. Selbst bei gutem Wetter und flacher Welle vor dem Hafen hilft eine histamin-arme Diät für die gesamte Mannschaft. Denn wer weiß schon, wie die Welle hinterm nächsten Kap aussieht. Von vorgekochtem Reis mit Gemüse, Ingwertee aus der Thermosflasche und Zwieback kann man sich durchaus mal zwei Tage ernähren.

Diese Eingewöhnungsphase beeinflusst die Rotenplanung. Viele Ein- und Zweitages-Touren hintereinander können bei ungünstiger Wetterlage eine Crew zermürben. Längere Passagen sind so gesehen einfacher. Außerdem sollte ungünstiges Wetter besonders in den ersten drei Tagen gemieden werden, da es später weniger Einfluss auf das Wohlbefinden der Mannschaft hat. Mit etwas Geduld findet sich überall ein Wetterfenster mit schwachen Winden zum Losfahren und Eingewöhnen.

„Keep the crew happy“ ist ein Zeichen guter Seemannschaft.

Wir haben kein Boot getroffen, die wegen Seekrankheit nicht weiterfahren. Alle quälen sich. Die ersten drei Tage. Lord Nelson litt zeitlebens unter Seekrankheit. Er gewann trotzdem die Seeschlacht von Trafalgar gegen die spanisch-französische Armada. Seitdem ist Lord Nelson DIE Ikone der britischen Seefahrernation und steht auf der hohen Säule auf dem Trafalgar Square in London. Trotz seiner Seekrankheit hat er eine ganze Nation für die Seefahrt begeistert.

„Don’t push – Perfekte Boote machen keine perfekte Reise.“

Die meisten Cruising Families fahren und leben auf allen Arten von Gebrauchtbooten – in unterschiedlichen Längen, Preisklassen, Einrümpfer oder Katamarane, von vorwiegend französischen, deutschen oder skandinavischen Marken. Nur wenige Cruiser Familien segeln klassische Einzelbauten aus Stahl. Werftneue Boote sind das Kennzeichen für Ehepaare im Ruhestand. Gebrauchtboote kosten aber meist nur ein Drittel von einem neuen Boot.

Ob Boote alt oder neu sind – keines ist perfekt. Irgendeine Ausrüstung könnte immer noch dazu gekauft werden. Kritisch für die Seetüchtigkeit sind sie nicht – fast alle Boote mit einem durchschnittlichen Pflegezustand sind „fit for purpose“ für eine Offshore-Passage. Mit einem einfachen Boot kann man viel Geld sparen.

Unterwegs gehen Dinge kaputt oder müssen gewartet werden. Auch das trifft neue und gebrauchte Boote gleichermaßen: Motoröl- und -filter müssen gewechselt werden, Lichtmaschinen laden die Batterien nicht mehr, Segelnähte lösen sich, die Elektrik produziert Fehler, der Kühlschrank kühlt nicht usw. Man könnte auch für Reparaturen und Wartung sehr viel Geld ausgeben.

Jede Crew hat das eine oder andere Problem zu lösen. Kaputte Segel gehören zu den einfacheren Problemen. Der Klassiker unter Cruisern sind Probleme mit der 12 Volt-Technik, vor allem mit der Lichtmaschine und den Batterien. Eher selten tauchen Probleme auf mit dem Rigg, den Segeln, dem Motor, undichten Rümpfen oder mit der Ruderanlage. Aber auch diese gibt es.

Wir haben bisher – bis auf einen kapitalen Motorschaden oder einen Mastverlust – bereits in 100 Tagen alles gesehen. Zu unserem Glück das meiste bei anderen Cruiserfamilien. Wir haben aber noch niemanden getroffen, der seine Reise deswegen aufgegeben hat.

Jan aus Frankreich liegt gerade in Mindelo im Hafen und sein Boot sinkt – buchstäblich. In das Boot fließen pro Tag 200l Wasser. Alle Boote haben elektrische Lenzpumpen, welche etwa 7.000-10.000l Wasser pro Stunde fördern können. „Ich habe meinen Rasperry-Computer so programmiert, dass er die Lenzpumpe alle halbe Stunde einschaltet.“ Meinte Jan mit einem Lachen zu mir. Morgen geht das Boot aus dem Wasser und das Loch wird dann repariert.

Jede Reparatur beginnt mit der zeitaufwendigen Diagnose der Ursachen. Das ist teilweise wie Rätselraten. Bei Jan ist es ein an den Rumpf anlaminiertes Formteil, der Skeg, an dem das Ruder hängt. Die Verklebung hat sich gelöst, wahrscheinlich durch Auflaufen mit dem Ruder auf den Grund. Das Boot muss aus dem Wasser und von außen repariert werden.

Ein Cruisingboot besteht aus hunderten von Einzelteilen wie Masten, Segel, Elektrik, Motoren, verschiedene Getriebe, Hydraulik, unterschiedlichsten Pumpen und Ventile, Tanks, Elektronikbauteile unterschiedlicher Hersteller, Kabelbäume, Schläuche und vieles mehr. Das schafft eine Komplexität, die noch zunimmt, je neuer und komfortabler das Boot ist. Das einzige mir bekannte umfassende und hilfreiche Buch zum Thema – Nigel Calder‘s Boat Owner Manual – umfasst dementsprechend allein 1.000 Seiten.

Besonders bei elektrischen Dingen scheint unsere ARGO ein Lebewesen zu sein. Auf manche Defekte und Phänomene kann sich noch nicht einmal unser Elektriker/Elektroingenieur einen Reim machen. Dann hilft nur Geduld und Ausprobieren.

Technik ist menschengemacht und das meiste kann mit Geduld, einem analytischen Herangehen, etwas Werkzeug und den richtigen Ersatzteilen repariert werden. Cruiser sind fast immer handwerklich erfahren und technisch geschult. Gespräche an den Ankerplätzen und den Marinas drehen sich oft um technische Probleme. Und das unter Männern UND Frauen gleichermaßen. So finden sich die richtigen Diagnosen und Lösungen, denn das ein technisches Problem zum allerersten mal in der Cruiserwelt auftritt, ist extrem unwahrscheinlich.

Ein große Hürde ist die Ersatzteilbeschaffung, die durchaus Tage oder Wochen dauern kann. In Europa oder Nordamerika ist fast jedes Ersatzteil zu beschaffen. Fast jedes Boot hat eine Geschichte zu erzählen von falschen Ersatzteilen oder Paketen, die auf einer anderen Insel in einer anderen Marina liegen. Ein Franzose wird diese Woche von Kapverden nach Frankreich fliegen – einzig, um ein Ersatzteil zu beschaffen.

Unter den Cruisern hilft man sich – mit Werkzeugen, Ersatzteilen. Oder man übernimmt ganze Reparturen. Ilja zieht mittlerweile auch schon mal mit unserer Sailrite-Nähmaschine los, um anderen Cruisern die Segel zu flicken.

Der Zeitaufwand ist erheblich. Im Monat verwenden wir etwa vier volle Tage für Bootswartung und Reparaturen. Zeit, die für Segeln, Schnorcheln und Landgänge genutzt werden könnte.

Natürlich kann man sich an die lokalen Handwerker wenden. Manchmal ist das sogar unvermeidbar. Allerdings sind die guten Handwerker nicht unterbeschäftigt und selten verfügbar für eine spontane Reparatur. Man muss schon Glück haben.

Wenn eine Repartur abgeschlossen ist, und die Sachen wieder funktionieren, gibt das ein sehr befriedigendes Gefühl. Handwerkerstolz. Unabhängigkeit. Auf einem Boot in einem ausländischen Hafen: „Handwerkerstolz-zum-Quadrat“. Und es gibt nichts, was man nicht lernen kann. So haben wir bereits ein Getriebe repariert, eine Lichtmaschine mit Regler eingebaut, eine Tiefkühlbox eingebaut, Segel repariert und vieles mehr. Auch das ist Teil der Reise – weniger „outsourcen“ und Probleme selber lösen.

„Busy is a choice – Freiheit muss neu erlernt werden.“

Die größte Herausforderung für alle ist der Umgang mit der gewonnenen Freiheit. Wie nutzt man seine freie Zeit sinnvoll? Und wieviel Zeit füllt man überhaupt? Ist es nicht besser, sich einfach treiben zu lassen?

Der Grund, weswegen fast alle los segeln, ist der selbe: aus dem täglichen Trot aus Arbeiten, Schule und Konsum auszubrechen. Zeit für sich haben. Neues sehen und das Familienleben oder das Leben zu zweit intensiver zu leben. Die Routinen wenigstens für ein Jahr unterbrechen und alte Gewohnheiten abzulegen.

Und dann zeigt sich, dass wir den Umgang mit der Zeit erst wieder lernen müssen. Denn auch auf den Booten können wir immer beschäftigt sein.

  • Die normale Haushaltsführung für eine Familie nimmt viel mehr Zeit in Anspruch. Kochen, abwaschen, Wäsche machen – viele Haushaltsmaschinen gibt es zum Beispiel normalerweise nicht auf einem Boot. Hinzu kommt der beengte Raum und die Schiffsbewegungen.
  • Das Home Schooling ist für alle Cruiserfamilien eine Herausforderung. Zeitlich und organisatorisch. Die Kinder auf den Booten spielen sehr gerne und sehr natürlich miteinander. Die Disziplin für den Schulunterricht aufrecht zu erhalten kostet Extrazeit für die Familie.
  • Außerdem gibt es am Boot immer noch etwas zu reparieren oder zu besorgen. Kein Boot ist perfekt. Und alles, was nicht perfekt ist, lässt sich reparieren.
  • Hinzu kommt die eigentliche Reisezeit. Das Segeln von einem Hafen zum anderen kostet Zeit. Was man sich alles anschauen kann, wenn man angekommen ist! Vielleicht noch einmal schnell zu dieser Insel rüber segeln – wir liegen schon den zweiten Tag vor Anker. Im Internet steht, dass man sich unbedingt X oder Y anschauen muss – wenn man schon mal da ist. Also Auto mieten und hin.

Die Zeit für eine Wanderung, einen Strandtag, um ein Buch zu lesen, einen Blogpost zu schreiben, zu basteln, Klavier zu spielen, einfach abzuhängen oder einen Tauchgang zu machen wird jetzt schon sehr, sehr eng.

„Busy is a choice“. Wir bestimmen vollständig alleine über unsere Zeit. Wir können die Dinge in Balance bringen – und das lernen wir gerade wieder neu. Der Haushalt muss nicht perfekt sein. Das Boot auch nicht. Home Schooling lässt sich auch mal flexibel am Abend machen. Bootswartung muss nicht jeden Tag gemacht werden, sondern an vorher festgelegten Zeiten – manche Dinge müssen dann halt warten. Und man kann durchaus auch einmal länger an einem Ort bleiben und Reisezeit vermeiden.

Wir haben bereits jede zeitliche Freiheit. Wir sind doch die, die NICHT jeden Morgen die Kinder zur Schule bringen und danach ins Büro müssen. Jeden Tag. Es liegt nur an uns. Wie geht das noch mal? Das ist auch Teil der Reise.

Seekrankheit, Reparaturen, busy sein – das macht Ihr freiwillig?

Mittlerweile sind wir in Mindelo/Kapverden angekommen. Die Zeit, einen Blogpost zu schreiben, habe ich erst jetzt gefunden, nachdem wir gereist waren, verschiedene Reparaturen erledigt haben und auch sonst alles erledigt haben.

Es wird Zeit für eine Antwort: Leben wir den Traum?

Die Sonne ist gerade aufgegangen. Die ARGO ankert in der Bucht von Mindelo. Wir sitzen im Cockpit mit einem Tee, Lena liest, ich revidiere die letzte Version von diesem Post. Die Kinder schlafen noch. Nach dem Frühstück machen wir Schule, ich kümmere mich um Steuern und Finanzen. Den Rest des Tages haben wir nichts weiter auf dem Zettel. Und das geht noch so bis Sonntag Nachmittag, bis unsere neue Crew eingetroffen ist.

Wir sind glücklich. Lena musste am Morgen unserer Ankunft, als wir in der Morgensonne zu liefen und auf badende Hunde und Fischer auf ihren Booten im Hafen von Mindelo schauten, eine kleine Träne abdrücken. Soweit haben wir es als Familie schon geschafft. Und es liegt noch so viel vor uns.

Die Welt, die wir erleben, ist einfach und wunderbar. Alles, was vor Monaten, Tagen, Stunden uns noch fremd und bedrohlich erschien, ist jetzt freundlich zu uns und sehr bald vertraut. Die Menschen den fremden Ländern sind offen, neugierig und warmherzig.

Gestern sind wir mit dem Sammeltaxi ans andere Ende der Insel Sao Vicente gefahren. In den Toyota Hiace passen in Europa vielleicht 8 Personen – hier sind 15 Plätze zugelassen. Wir waren insgesamt 17 – eine Fußballmannschaft auf dem Weg zum Training samt Coach, plus Fahrer und wir vier. Die Dribbel-Stangen, der Sack mit den Bällen und die Hütchen wurden auf dem Dach verstaut. Kosten: 4€ für die Familie. Stimmung: ausgelassen, viele Jokes auf portugiesisch, viel Gelächter.

Zurück in der Marina. An der Bar sitzen Jan mit einer großen Gruppe französischer Segler. Unter den Cruisern finden wir Reisekameraden, die mit den gleichen Dingen „strugglen“ und die gleichen Dinge genießen. Die unten den verschiedensten Bedingungen losgesegelt sind und in den gleichen Marinas und Ankerplätzen zusammen kommen. Deren Kinder große Schwärme von mehrsprachigen Spielfreundschaften bilden. Das schafft Bindung und neue, enge Freundschaften.

Selbstverständlich haben wir auch Krisen und Konflikte. Die gehören zum Leben dazu. Es ist nicht immer alles nur easy going. Cruising ist nicht immer nur türkises Wasser, Bikini und schöne halbnackte Körper mit Tattoos in der Sonne. Cruising ist nicht so, wie Delos, La Vagabonde und andere YouTuber es vermarkten – das ist Show, eine neue Form von Unterhaltungsfernsehen für die Daheimgebliebenen, ein anderes Einkommensmodell. Cruising dagegen ist echt und authentisch.

Unser Reiseziel sind die Inseln im Nordatlantik und der Karibik. Es wird für uns ausreichend türkises Wasser geben, zu sehen unter dem hashtag #GoSeaborne bei Instagram. Unser Reiseziel ist Unabhängigkeit. Für uns ist es noch ein weiter Weg bis zum Reiseende und vielleicht bis zu einer Erkenntnis. Wir sind nach knapp 100 Tagen gerade mal am Anfang. Vor uns liegen noch fast 10.000sm und neun Monate. Wir haben gelernt, dass die Welt nicht gefährlich, sondern wunderschön ist. Dass die Menschen unterwegs offen, interessiert und warmherzig ist und das gemeinsame Sprache der Schlüssel ist. Dass wir auf unserer Reise arbeiten, Disziplin und Struktur anwenden müssen, um die Freiräume, die wir haben, auch wirklich zu nutzen. Das wir keine Struktur brauchen, um unsere Zeit zu verwalten, sondern um Zeit zu finden, um neue Menschen und Inseln kennen zulernen, zum Reden, zum Spielen, zum Nachdenken, zum Segeln…

Oder zum Schreiben.

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