795 Tage vor Abfahrt: Die Strandung der ARGO und was wir daraus lernten

In den letzten Wochen und Tagen sind gehäuft Unfälle aufgetreten.

Ein deutsches Boot ist mit einem Frachter zusammen gestoßen und ist einer Katastrophe mit sechs Toten nur knapp entgangen. Ein amerikanisches Segelboot ist auf dem Weg von Mexiko nach Belize gestrandet. Die Mannschaft hat sich gerettet, das Boot liegt als Totalverlust vor einem der Hotels in Cancun. Vor einigen Wochen wurden wir Zeugen, wie eine Bavaria 38 bei bestem Wetter und bei Tag auf das Riff vor Linton Bay, Panama gerammelt ist – ebenfalls ein Totalverlust des Schiffes.

Letzte Woche trieb nachts um zwei eine mexikanisches Boot in die ankernde ARGO – auf einen lauten Knall folgten drei Stunden angestrengten Manövrieren, meine Bitte um technische Hilfeleistung über Funk (PanPan) und zwei Tage Reparaturen an unserem Boot, die allerdings der mexikanische Skipper selbst organisierte und bezahlte.

Gründe für diese Unfälle sind vielschichtig und meist vermeidbar. Eines ist klar: Es liegt ausnahmslos am Skipper, der irgendetwas falsch entscheidet oder unterlässt, z.B. sicherheitsrelevante Ausrüstung wird nicht angeschafft oder nicht genutzt (automatische Meldegeräte für Schiffsverkehr in der Nähe, Ankeralarme), Wachen werden nicht eingehalten, Wetter und Verkehrssituationen falsch eingeschätzt usw. Außerdem lernen wir, die Skipper und auch die Crew, aus den eigenen Fehlern am besten.

In seltenen Fällen, wenn wir ganz offen sind, auch von den Fehlern anderer.

Ich habe die ARGO auch schon stranden lassen – den Bericht habe ich gerade in meinen Unterlagen gefunden und fand ihn geradezu perfekt für eine weitere dieser Lernerfahrungen für uns alle.

Sonntag, 28.5.2017, 18.13h – gestrandet 5 nm vor Port Ginesta

Tomas schwamm in einem wilden Strudel tosenden Wassers, der Motor brummte und die Jacht taumelte von einer Seite auf die andere.

Seit über 2 Stunden arbeiten wir zusammen am Freikommen des Bootes: wir hatten den Bug vom Strand wegdrehen können, der Heckanker war gesetzt worden und mittlerweile hatten wir auch eine Leine an der Begrenzungstonne festgemacht. Tomas war mit dem Anker im Schlauchboot (das leider keine Paddel hatte) vom Boot weggeschwommen und hatte dann den Anker auf 3 m Sand, ca. 40 m vom Boot entfernt ins Wasser gebracht.

Rettungsmaßnahmen schlagen fehl

Beim Winschen brach die Trosse mit einem dumpfen „ZAASSCHH“ und der Anker war verloren. Jetzt hatte Tomas mit einer 30 m langen, ca. 15 kg schweren, nicht schwimmenden (anstatt der 50 m langen, 500g schweren und schwimmbaren Leine, die in der Heckklappe lag) versucht, die Trosse wieder mit dem Boot zu verbinden. Was nicht gelang.

In der Folge schwamm Tomas im Heckwasser einer 15 m Jacht mit einem 75 PS Motor, der auf 2.500 Umdrehungen lief, und wurde langsam vom Boot abgetrieben.

Seenot entsteht langsam, schrittweise

Jetzt fiel mir auf, dass die Dinge außer Kontrolle geraten waren.

Hatten wir nicht noch eben auf den Heckbänken des Cockpits in der Abendsonne gesessen und über unser Leben, unsere Familien und unsere nächsten Geschäfte philosophiert? Da war eine Schule von Walen gewesen, die unbeirrbar auf die Hafeneinfahrt der Millionenstadt Barcelona zuschwammen. Flugzeuge über uns und riesige Hotelschiffe, die uns den Weg streitig machten. Der Motor brummte gut geschmiert seit Stunden, denn es wehte nur ein sehr lauer Wind. Die Dünung ging auf und ab, als wäre es einem starken Wind nicht erlaubt, näher an unsere Stadt und unseren Strand zu kommen. Die ganze Szene hätte auch gut nach Kalifornien gepasst. Wir befanden uns aber immer noch in Europa.

Ich schaute vom Heck herunter, wo mein Crewmitglied mit dem Tiefblauen rang und zusehends Kraft verlor. Ich dachte nicht nach, aber mir war klar, dass ich den Motor abstellen musste. Ein Griff zum Gashebel und der Strudel kam zu erliegen.

Die Boote halten mehr aus, als wir glauben

Sofort hob die Dünung das Boot an und schob es ein klein wenig weiter zum Strand. Es taumelte wie ein Brummkreisel, der seine Umdrehungen gemacht hatte und jetzt die Kraft verlor und sich ­langsam immer müder werdend zur Seite. Es gab, außer dem Klatschen der Wellen und dem Rumpeln von Dingen, die unter Deck durch die Gegend flogen, keine Geräusche: kein Ächzen, kein Brechen, kein Quietschen. Die Segeljacht war vor dem Ausbruch der Krise ein sehr solide gebautes Boot, dem Chaos nichts anzuhaben schien.

Die Konstrukteure der ARGO hatten mit der Baureihe 461 ihren ersten Erfolg gelandet und das Boot war das Nummer 56 seiner Art. Mit seinen Schwesterbooten wurden bereits alle Ozeane besegelt, allein an unserer Küste gab es insgesamt 4 baugleiche Schiffe. Von Segelkennern wurde ich immer wieder zu dem Boot beglückwünscht.

Lena und ich hatten vor einem halben Jahr den Entschluss gefasst, dass uns das Boot zusammen mit den Kindern über die Ozeane bringen soll. War dieser Traum geplatzt in just diesem Augenblick, als ich den Motor ausschaltete?

Bei Seenot immer Hilfe holen

Es war klar, wir beiden würden das Boot nicht mehr flottbekommen. Zwischenzeitlich saß Tomas neben mir und rang nach Atem. Ihn noch einmal ins Wasser zu schicken wäre ein Himmelfahrtskommando. Unsere Optionen waren ausgeschöpft. Wir beiden, die alles im Griff haben, die coolen Jungs, denen das Leben gelingt, war eine ganz einfache Situation aus den Händen gerutscht.

Ich nahm das UKW-Gerät und rief die Retter. Gleichzeitig telefonierten wir mit zwei Telefonen. Nach einer halben Stunde nahm uns das Schlauchboot der Seenotretter in Schlepp.

Eine Stunde danach kam der Seenotrettungskreuzer. Wir sahen auf dem Radargerät, dass er mit Höchstgeschwindigkeit und 25kn auf uns zuhielt. Dann rief er mich über Funk an, besprach das Bergemanöver und das ich die Konsequenzen eines möglichen Sinkens der Jacht zu verantworten hatte. Mir war klar, dass ich sämtliche Optionen ausgespielt hatte. Ich hatte nur noch eine Karte auf der Hand, und das war kein Trumpf bei einer Strandung, nur die Garantie, dass wir noch im Spiel blieben – das Boot, dass Rigg und der Motor waren völlig intakt.

Wir sind die Amateure, die Retter sind die Pros

Und dann ging es sehr schnell. Es war inzwischen dunkel, mir wurde eine armdicke Trosse übergeben, die wie für unser Boot gemacht war.

Über Funk sagte der Kreuzerkapitän: „ARGO here is the rescue vessel, do you read me? Over.” “Rescue vessel here is ARGO. Over.” “ARGO, I need to clarify two things with you. First, while we are towing you, you must watch your keel bolts. Take the foot panels up and watch. Can you confirm that you watch the bolts? If you get afloat, or you take water, you call me on VHF. Is this clear? And second, it is your responsibility if any damage on your vessel occurs. Is this 100% clear to you? Over.”

Wahrscheinlich war das die Erfahrung des Kapitäns mit Yachtkapitänen, welche die Kontrolle über ihr Boot verloren hatten. In sehr einfachen Sätzen und klarem Englisch sprach er mit mir und erklärte mir die Situation. Er hatte das Ruder übernommen und würde uns in den nächsten Minuten aus der Situation heraus manövrieren. Ich hatte ihn gerufen, er war jetzt da und machte seinen Job.

Und er machte ihn gut und hatte die perfekte Ausrüstung für den Job. Völlig automatisch sagte ich: “Rescue vessel, this is ARGO. That’s affirmative. Please go ahead. Over.” “ARGO, this is rescue vessel, I will start to tug you now. Watch the bolts. Good luck. Over.” “Rescue vessel, this is ARGO, go ahead and thank you. Over.”

Ca. 300 m vor uns hörten wir das Wasser unter dem Kreuzer brodeln und die Trosse kam steif. Es war eine sehr milde Nacht im späten Frühling, der Wind war völlig abgestorben, am Strand sah man Menschen in einem hell erleuchten Restaurant zu uns herübersahen. Das Restaurant war näher als der Rettungskreuzer. Tomas stand mittlerweile unter Deck und schaute auf die Bolzen, deren Existenz vor einigen Minuten noch ihm völlig egal waren und die in diesem Augenblick der wichtigste Teil vom Boot waren. Er hatte eine Stirnlampe auf und den Daumen nach oben gereckt.

Mit einem Ruck kam die ARGO in Fahrt, nur um nach 1,5 m wieder im Sand festzuhängen. Es fehlte dem Boot 30 cm Wasser unter dem Kiel, und noch immer taumelte das Boot. Mit einem Nicken des Bugs saß das Boot wieder fest. Aber immerhin, wir waren 1,5 m dichter zum rettenden Tief. Dieser Gedanke hielt nur ein Zehntel eines Augenblicks und schon wurde die ARGO unerbittlich und seine 12t Gewicht ignorierend nach vorne gerissen.

Immer noch keine weiteren Geräusche. Aus der Ferne drang nur ein mildes Brummen des Motors des Kreuzers. Noch zweimal machte das Boot diese Nickbewegung beim Eindringen den Kiels in den Sand und dann schwamm unser Boot frei.

Die Erleichterung nach der Rettung ist vor allem eins: lehrreich

Und ich fühlte mich plötzlich wie damals als Zehnjähriger, wenn unsere kleinen Segelboote hinter dem Boot des Trainers geschleppt wurden. Der Kreuzer schleppt mich plötzlich mit rauschenden 12 kn durch die Nacht, Tomas reckte noch immer den Daumen nach oben. Eine Befreiung!

Ich meldete dem Kreuzerkapitän dies, bedankte mich für die Rettung, wir besprachen die administrativen Dinge und ich wünschte ihm eine gute Nacht. Später, nachdem Lena uns in Empfang genommen hatte und die ARGO sicher an ihrem Liegeplatz lag, saß ich zwei Stunden vor den Kielbolzen, die in einer massiven Aluminiumkonstruktion von Bodenwrangen hingen, und staunte immer noch über unser Glück und die solide Bauweise unseres Bootes. Ich konnte mich nicht davon losreißen und freute mich über alles: über die Retter, die so schnell bei uns waren und uns innerhalb weniger Minuten befreiten, das schöne Wetter, meinen Freund Tomas und meine Lena – und über die Kielbolzen.

Wir hatten einen Anker verloren, eine Sonnenbrille zerbrochen, einen Kicker abgebrochen und Tomas hatte eine Schnittwunde im Zeigefinger – und sonst nichts! Aber wir hatten eine Krise überstanden, einmal die Kontrolle verloren, waren von einer lauen Sommerparty in Seenot geraten und hatten gelernt:

Demut vor dem Glück, was wir an diesem Tag hatten.

Und dass man beim Kontrollverlust trotzdem ruhig bleiben muss, langsam denken, langsam handeln, langsam sprechen.

Und man braucht immer solide und gepflegte Ausrüstung.

Sowie einen guten Plan B – immer.

Und das Segeln überhaupt nicht gefährlich ist. Bei den meisten Unfällen entsteht nur Sachschaden, der sich reparieren lässt.

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