Von einer Langzeitreise zu einem neuen Lifesyle

Wir sind nach Panama gekommen, um den Hurrikanen und tropischen Stürmen auf Yucatan zu entfliehen und uns auf Homeschooling und Projektarbeit zu konzentrieren.

Nach mehr als anderhalb Jahren haben wir uns an viele neue Dinge gewöhnt. Aber längst noch nicht an alle. Wir sind nun schon sechs Wochen in Linton Bay, Panama. Die 40. Kalenderwoche des Jahres 2020 ist keine Woche wie jede andere. Und darum ist sie wert, aufgeschrieben zu werden.

Montag – Eine Höllenfahrt

Mit Philip im Pickup nach Sabanitas und mit dem Taxi nach Colon. Philip ist Amerikaner, seit 20 Jahren in Panama und im Streit mit jedem und über alles. Zwei Stunden ist die Fahrt und er hört nicht auf zu schimpfen. Eine halbe Stunde lang spreche ich mit Jan in Hongkong – ist doch erstaunlich, was die Technik heutzutage ermöglicht. Ich mich mit Jan daran, wie wir 2013 mit VW-Ingenieuren eine Testfahrt von „Wettbewerbsfahrzeugen“ quer durch den indonesischen Regenwald gemacht haben – heute fahre ich durch den panamaischen Regenwald. In Sabanitas verabschiede ich mich von Philip und steige in ein Taxi.

Wenig später habe ich meinen neuen MacBook Pro im Rucksack – ich habe es in USA bestellt und dann wurde es von Miami per Luftfracht nach Colon geschickt. Noch einige Erledigungen und dann mit dem Bus zwei Stunden wieder zurück in den Urwald. Diesmal habe ich Frank am Telefon – gebe aber nach kurzer Zeit auf, es ist einfach zu laut zum telefonieren.

Unterwegs „brechen die Wolken“ – es regnet wie beim Weltuntergang. Der Busfahrer weiss genau: rechts ist das Gaspedal. Der alte amerikanische Schulbus, wahrscheinlich 40 Jahre alt, durchgerostet und ohne Klimaanlage, rast durch die grüne Hölle, spärlich mit Passagieren besetzt, die sich laut unterhalten. Der Lärm ist infernalisch – der Motor heult, der Bus klappert und der Regen prasselt auf das Blechdach. Der Schaffner wischt ohne Unterbrechung mit einem Lappen die Frontscheibe, besonders den Sehschlitz, durch den der Fahrer die Straße im Blick behält. (Der Sehschlitz entsteht durch die Bemalung der Frontscheibe, von außen. In bunten Discolettern steht hier zu lesen: „Portobelo“ – das ist der Zielort dieser Linie). Der Fahrer nimmt den Lappen in seine linke Hand und wischt den Rest der Frontscheibe – die Scheibenwischer laufen auf vollen Touren. Das Gaspedal hält er fest auf dem Busboden – jetzt nur nicht langsamer werden, das ist für Sissies. Vom Dach tropft es, draußen ist es dunkel, mittags um 12 Uhr. Das ist aber auch egal, denn durch die Scheiben ist eh nichts zu erkennen. Im Bus ist es schwülwarm.

Genauso stelle ich mir die Fahrt in die Hölle vor – vielleicht ist es dann noch etwas heißer. Nur der Fahrer würde sicherlich rauchen und hätte Hörner.

Dienstag – Fischen mit Harpune

Um sieben klingelt bei Ilja der Wecker. Er steht sofort auf, wirft sich Sachen über und schnappt sich seine Harpune. Innerhalb weniger Minuten paddelt er dem Riff entgegen, um Fische zu jagen. Heute wird es ein Lion Fish sein, ein Fisch mit hochgiftigen Stacheln, der nach dessen vorsichtiger Entfernung ein gutes Abendessen ergeben.

Auf dem Weg zum Riff um 7 Uhr am Morgen

Um 9 bin ich mit ehemaligen Kollegen am Telefon – mein laufendes Projekt ist Marktforschung für eine amerikanische Firma, die in die europäische Autoindustrie einsteigen wollen. Mittagessen und danach ein kurzes Nickerchen. Um 14 Uhr geht es weiter mit dem Projekt, bis 18 Uhr. Anschließend ein Bier in der Marinabar. Anschließend mit dem Dinghy wieder aufs Boot.

Der neue Rechner hat den ersten Arbeitstag hinter sich gebracht und funktioniert tadellos. Erst beim Starten von Excel gibt es Probleme. Habe ich schon einmal gesagt, dass ich Microsoft-Programme nicht leiden kann? Sie sind leider der Industriestandard.

Mittwoch – Regenwasser sammeln

Der Morgen ist grau. Heute nacht hat es viel geregnet. Unser Wasserfänger, ein waagerecht auf dem Vorschiff gespanntes Segel mit einem eingebauten Wasserschlauch in der Mitte, sammelt das Regenwassern und leitet es direkt in die Tanks.

Der Tag geht weiter mit Marktforschung und Schule.

Büro von außen

Ilja bei ILS und Mascha bei Clonlara. Clonlara hält den Lehrplan zusammen und hilft bei der Verfolgung des Plans.Mascha und Lena benutzen Anton, Khan Academy deutsch und englisch wir Scoyo als Lernplattformen für die unterschiedlichen Fächer. Wir haben Lehrbücher für 6. Klasse Mathe und Deutsch, Pinterest für Arbeitsblätter und Übungskönig.de. Ilja macht mit seinem Freund Gerard aus Barcelona Schule – Ilja per ILS in Hamburg mit wöchentlichen Einsendeaufgaben, Gerard folgt einem spanischen Lehrplan mit jährlichen Prüfungen, welche in einer spanischen Botschaft abgelegt werden muss.

Zwischen Schule und Marktforschung klären wir Dinge wie Steuererklärung, Betriebskostenabrechnung für unsere vermietete Wohnungen in Berlin, Kreditkarten und ähnliches. Das alles läuft bis halb sechs abends. Wieder treffen wir unsere Freunde im Hafencafe. Abends gibt es Kofferfisch und einige Folgen von „Brooklyn Nine-Nine“ im Original. Dann Nachruhe.

Donnerstag – Nächtliche Panik

Wir wachen um 2 Uhr auf, weil etwas gegen die Bordwand hämmert.

Das Dinghy, das wir jeden Abend gegen mögliche Diebe in der Nacht sichern und am Mast etwa 1,5m aus dem Wasser heben, hat sich verdreht. Der Außenbordmotor schlägt jetzt an die Bordwand. Ich lasse das Dinghy ins Wasser und gehe ins Bett, kann aber nicht wirklich schlafen.

Gegen drei hämmert schon wieder etwas gegen die Bordwand – so etwas passiert sonst nie. Draußen – Wolkenbruch. Es ist stockduster und regnet wie verrückt. Ein kurzer Blick mit der Taschenlampe durch den Regen und die Nacht nach vorne, und es wird schnell klar, dass ein anderes Boot in unsere Ankerkette getrieben ist. Es ist jemand an Bord, ein junger Mann Anfang 20, sein erster Tag auf einem Boot überhaupt. Das Boot hat keine Segel, kein Motor, kein Dinghy, kein Licht, keinen zweiten Anker. Ich springe ins Dinghy und Ilja an Bord des anderen Schiffes. Wir bugsieren es mit dem Dinghy durch alle anderen Schiffe in der Anchorage und schieben es auf den Strand.

Ich bin völlig durchnässt, immer noch Schlafanzug, es regnet biblisch, hin und wieder erleuchtet ein Blitz die Szenerie. Wir arbeiten fast wortlos in der Finsternis. Ich manövriere das Dinghy, Ilja hat das Ruder auf dem fremden Boot übernommen. Die ganze Aktion dauert etwa eine Stunde und wir fallen wieder ins Bett.

Büro von innen (mit Air Condition)

Um neuen sitzen wir wieder pünktlich im Büro, Ilja macht seine Schule. Ich meine Marktforschung. Heute telefoniere ich mit Bernat in Barcelona und Andreas in Frankfurt. Am Nachmittag spreche ich mit den Kollegen der amerikanischen Kollegen über die Erstellung von Marketingmaterial. Sie haben nach dem Gespräch bis Ende der kommenden Woche sehr, sehr viel zu tun.

Freitag – Alltägliche Technikthemen

Heute ist mein Bootstag. Heute gibt es keine Marktforschung. Ich schreibe ein Profil für den Headhunter, um für die amerikanische Firma Fachleute für den deutschen Markt zu finden.

Anschließend nehme ich unseren kardanischem Herd auseinander, reinige alles, bau es wieder zusammen und fixiere die Aufhängung. Ein schwingender Herd ist vor Anker eher unpraktisch. Dann nehme ich mir die Ankerwinsch vor und stelle rasch fest, dass die Fernbedienung Wasser bekommen hat und durchgebrannt ist. Wir werden sie ersetzen müssen.

Während dieser Arbeiten höre ich einen Podcast über Offshorekonten und Offshore-Trusts. Ein US-Rechtsanwalt spricht darüber, wann was Sinn macht und das es nicht um ‚tax evasion‘ gehen darf. Ich schreibe unserer Bank eine Bitte um Bankauskunft und werde in Panama ein Konto eröffnen für die Zahlungen, die wir hier leisten.

Lena ruft mich an und möchte eine Website für coloreo.shop erstellen. Wir haben noch für etwa 2.000€ Bestand an Ausmalplänen liegen, den wir verkaufen wollen. Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür und läuft normalerweise recht gut.

Ich bin gerade fertig mit meinen Bootsarbeiten, springe mit dem Hund noch einmal kurz ins Wasser und fahre anschließend mit dem Dinghy an Land. Den Rest des Nachmittags verbringen wir im Cafe der Marina – wir haben hier Internet mit bis zu 260 bps. Ich erstelle eine Website und einen Shop für coloreo.shop. Dazu trinken wir beide Weisswein mit Eiswürfeln – komischerweise auch jeder andere im Cafe. Wir feiern die Woche.

Um 19 Uhr macht das Cafe zu, die Website steht – ohne Inhalte und ohne Grafik – und der Shop auch.

Dann kommt die Nachricht über Trumps C-19 Diagnose – „das einzig positive an ihm“ sagt das Netz – und seine Einlieferung ins Krankenhaus. Die Welt steht möglicherweise an einem Wendepunkt. Mein deutscher Bootsnachbar, passionierter Internetforscher und Trump-Anhänger, meint dazu: „Man muss ja nur fragen, wem das nützt.“ Daraufhin erzähle ich ihm von einem Buch („Werfen Sie einen Blick in das Buch“ bei Amazon), indem ich über Wetterwaffen gelesen haben. Mit diesen werden – so der Autor – Erdbeben, Überflutungen, Stürme usw. ausgelöst. Auf der selben Buchseite werden die Familie Rothschild, die Freimaurer, Privatbanken und der CIA in Verbindung gebracht sowie ein geheimer Plan zur Reduzierung der Weltbevölkerung genannt. Ich muss lachen, sage „Tschüss“ und gehe zum Dinghy.

Den Abend verbringen wir mit einer weiteren Flasche Weisswein, von Lena frisch gebackenem Brot, Leberwurst mit Meerrettich, Guacamole und „How I met your mother“ – auch im Original.

Sonnabend – Simple live

Heute ist Sonnabend. Wir brauchen Gas, Obst und Gemüse – und ansonsten verbringen wir den Tag an Bord. Ich schreibe ein wenig, die Kinder sind auf einem Nachbarboot zum „Water Polo“ eingeladen. Um vier Uhr am Nachmittag sind alle an Bord, der Hund liegt rum und wir beschließen, heute nichts zu tun. Lena und ich schauen uns tief in die Augen und stellen fest: Das Leben auf einem Boot ist sehr simpel, aber keineswegs langweilig. Und das Leben ist wunderbar.

Am morgen erreicht uns die Nachricht, das der Tropische Sturm GAMMA über Yucatan und Isla Mujeres zieht. Schwere Böen und Regenfälle. Wir sind in Sorge um unsere Freunde. Drei Boote reißen sich von ihren Ankern und landen auf dem Strand. GAMMA ist ein “named storm”, für die keine Versicherung für Boote am Anker oder in der Marina Haftung übernehmen.

Wir sind hier in Panama genau richtig – dieses Spiel mit den Stürmen ist nichts für unsere Nerven.

Neuer Lifestyle

Wir sind dankbar – das unsere Familie so ist wie sie ist. Für unser Leben und den lifestyle. Das unsere Kinder das erleben können. Das wir gesund und sicher sind. Das wir arbeiten können und Schule machen können, auch hier im Urwald.

Die Reise ist noch nicht zu Ende.

Beitrag teilen:

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.