Luftaufnahme der Argo 20.05.2019

Tag #160: Was kostet eine Langzeitsegelreise über den Atlantik?

„Über Geld spricht man nicht.“ Das war früher in der Dorfgemeinschaft guter Rat und hat Neid und Streitigkeiten vorgebeugt. Heute leben die wenigsten in einer Dorfgemeinschaft und wir reden im Allgemeinen viel zu wenig über Geld.

Ich rede hin und wieder ganz gerne mit anderen über Geld. Den Großteil unseres Lebens verbringen (vielleicht auch verschwenden) wir mit Tätigkeiten zum Gelderwerb. Und ich lerne gerne dazu, wenn ich die Zeitverschwendung reduzieren kann.

Lena und ich haben viele indirekte Fragen (viele reden sehr ungerne über Geld) bekommen, die sich immer um das Gleiche drehen: „Was kostet eine Langzeitreise unter Segeln? Und wie könnt Ihr Euch die leisten?“

Als ich Anfang dreißig war, bin ich über ein Buch gestolpert: „Die Kunst über Geld nachzudenken“ von André Kostolany. Nicht, dass ich viel aus dem Buch beherzigt habe – ich fand den Titel klasse. Denn viele in meinem damalige Umfeld hatten kein Verhältnis zu Geld und fanden es obszön und raffgierig, über Geld nachzudenken. Ein weiteres Buch, das ich nie gelesen habe, dessen Titel ich toll fand, war: „Das Auge des Bauern macht die Kühe fett“.

Diese beiden Titel sind für mich eine gute Orientierung für den Umgang mit Geld.

Bevor ich einsteige noch eine Vorbemerkung: Alle hier genannten Beträge lassen sich beliebig verdoppeln, halbieren oder ver-x-fachen – und sind dann korrekt für andere Crews. Alle genannten Beträge dienen uns zur Orientierung und entsprechen unseren Erfahrungen. Es gibt Crews, die geben weniger aus und haben (mindestens) den gleichen Spaß wie wir. Und es gibt Boote mit einem Vielfachen unserer Kosten aber einem Bruchteil unseres Spaßes.

Jeder muss sein Niveau und sein Bootsleben finden. Auch das ist Teil der Reise.

Gesunkene Boote

Unsere erste Atlantiküberquerung mit der ARGO hatte den Zielhafen Le Marin/Martinique. Wir wollten wegen des Hundes in der karibischen Eurozone ankommen – das ist aber eine andere Geschichte.

In der Bucht von Le Marin ankerten im letzten Monat (Dezember 2019) mehr als 700 Boote. Die Mangroven von Lamentin gelten als eines der sichersten ‚Hurrican Hole‘ (sicherer Ankerplatz bei Tropenstürmen) in der Ostkaribik. Zu unserer Bestürzung fanden wir in dieser Bucht ca. 15 gesunkene Segelboote. Die Masten ragen noch aus dem Wasser, teilweise sind die Segel noch angeschlagen – wahrscheinlich sind sie im letzten Hurrican gesunken und nie wieder geborgen worden. An den Moorings hängen weitere 30 verwahrloste Boote, die ebenfalls irgendwann auf dem Grund der Bucht enden werden.

Es liegt auf der Hand, dass den Eignern der Boote das notwendige Geld fehlte, um diese Boote leben zu lassen. Sie hatten das Geld, die Boote anzuschaffen und nach Le Marin zu bringen. Aber dann kam etwas dazwischen und ihnen fehlen jetzt die Mittel, die Boote zu heben, zu pflegen und auf den paradisischen Karabikinseln auf ihren Booten zu leben. Träume, die ein bitteres Ende fanden. Was gibt es tragischeres, als untergegangene Träume.

Melancholie bei 30 Grad.

Widerstrebende Dinge in Balance zu halten, praktizieren wir wahrscheinlich selten so mehrdimensional wie auf unserer Reise. Das Boot muss technisch einwandfrei gehalten werden. Aber ein technisch 100% perfektes Boot erfordert unmenschlich viel Arbeit, ist kaum zu bezahlen und ist deswegen für uns nicht erstrebenswert. Oder Zeitpläne: Trotzdem wir viel sehen und schon längst wieder unterwegs sein wollen, müssen wir jetzt schon zum dritten Mal tagelang auf das richtige Wetterfenster warten, um schweres Wetter, Schäden, Reparaturen und unbequemes Reisen zu vermeiden. Schlußendlich können wir doch immer nur einige Tage warten, und dann müssen wir losfahren und mit dem Wetter umgehen, was uns draußen auf dem Meer erwartet.

Ähnlich bei den Finanzen: Wir haben einen Finanzplan für die Reise. Wir planen jedoch nicht jede einzelne Ausgabe und kontrollieren sie – das ist viel zu viel Aufwand, zuviel Zeit ähnlich wie beim technisch-perfekten Cruising-Boot. Stattdessen reduzieren wir strikt bestimmte Kategorien, die für uns Geldfresser sind: Restaurants, Marinashops, teure Getränke usw. Wir nehmen in Kauf, dass es finanzielle Ausrutscher geben wird. Derzeit geben wir zum Beispiel viel mehr Geld für Reparaturen aus, die allerdings für das Weitersegeln unvermeidbar sind.

Richtschnur für unseren Finanzplan ist, dass der Ausgleich von Ausgaben, Einnahmen und Geldbestand auf Reisen funktionieren und kein Gegenstand existenzieller Sorge sein darf. Auch nicht, nachdem die Reise zu Ende gegangen ist.

Das Auge des Bauern macht die Kühe fett.

“Living the dream”

Jeder hat seinen Traum. Doch die meisten Träume hat man nachts und die meisten Träume vergisst man sofort wieder. So geht uns das auch immer wieder.

Unser Traum von dieser Reise ist viele Jahre alt (17 Jahre, um genau zu sein). So ist das bei vielen Cruisern. Über die Jahre passiert das Leben und ein Traum wird eine konkrete Vorstellung und ein Plan. Oder er macht Platz für etwas anderes.

Um den Traum zu leben, muss er als allererstes über einige Jahre halten. Der Wunsch muss stark genug sein. Die wenigsten fassen den Entschluss und fahren sofort um die halbe Erde mit einem Segelboot, schon gar nicht mit Familie.

Frage: „Was kostet eine solche Reise?“

Antwort: „Das lange Festhalten an einem Traum unter Aufgabe von anderen Träumen oder Wünschen.“

Es gibt einen Zeithorizont “vor der Reise”, einen „während der Reise” und einen “nach der Reise”. Für jeden Horizont hat unsere Familie gemeinsame und sehr konkrete Antworten auf essenzielle Fragen gefunden. Hier ein paar Fragen, die uns bewegt haben:

  • Vor der Reise: Was wollen wir erleben, was wollen wir lernen und wozu das Ganze? Wie testen wir, ob wir eine Segelreise als Familie wirklich machen wollen? Welche Route sollen wir nehmen, was ist uns wichtig und wie viele Seemeilen können wir segeln? Welche Projekte wollen wir unbedingt noch vor der Reise fertig bekommen? Was mache ich mit meinem Job bei Corporate? Was machen wir mit dem Rest der Familie, zum Beispiel Eltern? Was braucht das Boot an Ausrüstung? Nehmen wir Vu (unseren Hund) mit? Wie sehen die Finanzen während der Reise aus? Usw.
  • Während der Reise: Was wollen bzw. müssen wir heute und die nächste Woche machen? Wie strukturieren wir die Tage (Schule an Bord, Bootsarbeit, Landausflüge usw.)? Wo bekommen wir Ersatzteile her? Wie müssen wir unseren Zeit- und Routenplan anpassen, nachdem wir von anderen Seglern von vielen interessanten Spots gehört haben, die nicht auf unserer Route liegen? Wo bleiben wir einfach liegen, statt weiter zu segeln und wo segeln wir einfach weiter, statt liegen zu bleiben? Usw.
  • Nach der Reise: Was wollen wir nach der Reise machen? Wo wollen wir leben? Wie gestalten wir langfristig die Ausbildung der Kinder? Wie wollen wir unseren professionellen Karrieren vorantreiben, was wollen wir noch erreichen und wie soll es weitergehen, wenn wir wiederkommen? Sollte ich wieder bei Corporate arbeiten? Welche finanziellen Mittel brauchen wir zum Anlanden und Anfangen? Was machen wir mit der ARGO? Usw.

Die Fragen sind nur Beispiele, das ist keine vollständige Liste. Unsere Antworten sind auch nicht endgültig. Wir entwickeln sie immer weiter und finden bessere Antworten. Lena und ich springen zwischen den drei Horizonten beständig hin und her und wir diskutieren, was – zum aktuellen Zeitpunkt – die richtige Antwort für uns ist. Auch mit unseren Kindern. Und mit unseren Freunden.

Unser Leben wird durch unsere Vorstellung, durch unsere Antworten auf wichtige Fragen, gelenkt und vorbestimmt. Wir beeinflussen den Lauf unseres Lebens ohne dass wir ihn perfekt kontrollieren.

Natürlich brauchen wir alle jederzeit auch etwas Glück und etwas Demut vor dem Leben.

Lena und ich haben beständig Ideen, machen Pläne und setzen uns mit unseren Wünschen, Bedenken, Widersprüchen und Ängsten auseinander. Und wir treffen Entscheidungen. Manchmal tasten wir uns langsam heran, wägen ab, recherchieren, schauen, was andere gemacht haben. Oder warten ab. Auf Dinge, die für uns keinen Sinn ergeben, verwenden wir keine Zeit. Manchmal streiten wir. Und oft nehmen wir einfach unseren Mut zusammen, um eine Entscheidung ins Ungewissen zu treffen.

Das ist der wichtigere Teil des Finanzplanes für eine Reise.

Irgendwann muss man halt ablegen und auf die Reise gehen. Man kann nicht ewig warten. Die meisten von unseren Freunden, Kollegen, Bekannten haben schon mehr als die Hälfte ihres Lebens hinter sich.

Wir auch.

Klubbeitrag

Das Boot selbst ist der offensichtlichste Kostenblock einer solchen Reise. Aber auch der aufregendste. Boote sind Wesen mit einem eigenen Charakter. Wenn man nur lange genug auf einem lebt, entwickelt man eine sehr enge emotionale Beziehung zu ihnen.

Wer segeln gehen und zu den Cruisern gehören will, braucht ein Boot. Das ist der Klubbeitrag. Für Langzeitreisen ist das Chartern eines Bootes aus verschiedenen Gründen keine Option. Also ist ein Bootskauf unausweichlich. Für ein hochseetüchtiges Segelboot mit 12 bis 14m Länge für eine vierköpfige Familie planen wir 75.000-180.000€, einschl. Ausrüstung für das Leben an Bord.

Das gilt für Einrumpfboote. Mehrrümpfer wie Katamarane sind etwas teurer, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt.

Vier Dinge sind wichtig beim Bootskauf: Kein Eigenbau oder Projektboot kaufen, denn Ersatzteilbesorgung ist ein völlig unterschätzter Zeitfresser und ein Techniker in einem fernen Hafen braucht bei „Spezialbooten“ viel Zeit, um sich zurecht zu finden. Kein Charterboot kaufen, denn diese sind „ungeliebt“, über Gebühr abgenutzt und haben fast immer verdeckte Mängel (Stichwort Grundberührung). Möglichst ein vollständig ausgerüstetes Boot kaufen, denn jede vorhandene Ausrüstung kostet nur etwa ein Drittel von dem, was eine spätere Nachrüstung kostet. Und unbedingt einen Nachweis über die gezahlte Mehrwertsteuer in den Kaufvertrag mit aufnehmen.

Wir segeln mit einer Hanse 461 (14,40m) – 11 bis 12m hätten es für uns als Familie auch getan. Mit 14m haben wir allerdings ausreichend Platz für Mitsegler und Gäste.

Einige Cruiser verkaufen ihre Gebrauchtboote nach der Langfahrt ohne Verluste – und bekommen quasi den „Klubbeitrag ohne Abzüge erstattet“. Voraussetzung ist, dass es sich um ein gängiges Boot mit einer möglichst großen Anzahl potenzieller Käufer handelt (z.B. Beneteau, Hanse, Bavaria… oder auch eine gängige Katamaranmarke).

Alles weitere ist eine Geschichte für einen weiteren Blogeintrag.

‚Stop the bleeding’

Finanzielle Balance ist eine unerlässliche Zutat für Seelenfrieden beim Cruisen.

Für alle Cruiser, die keine Privatiers und nicht in Rente sind, fallen oft die wichtigen monatlichen Einkommen weg, welche Schiff und Familie ‚afloat‘ halten und die für die Zeit der Langzeitreise kompensiert werden müssen.

Gleichzeitig können Kosten der Reise unvorhergesehen steigen. Es geht etwas kaputt am Boot: ein Segel reisst, der Motor will nicht mehr, es müssen neue Batterien oder eine neue Lichtmaschine her. Ausrüstung fehlt. Jemand wird krank oder hat einen Unfall – Mietwagen, Marina, Arztrechnungen müssen zumindest vorgestreckt werden. Oder ein Landausflug (Kosten für Marina, Mietwagen, Unterkunft für die Familie und Verpflegung) wird teurer als im Budget.

Die meisten Cruisingfamilien, die wir bisher getroffen haben, verfolgen eine meist ähnliche Finanzstrategie, um durch die Reise nicht finanziell „unter Wasser“ zu geraten.

  1. Die Rücklagen umfassen vor der Abfahrt die monatlichen Ausgaben für die Zeitdauer der Reise, z.B. 3.000€ mal 12 = 36.000€. Hinzu kommt eine technische Rücklage für Teile, die auf der Reise voraussichtlich kaputt gehen und ersetzt werden müssen. Wir sind mit alten Segeln losgefahren, deswegen haben wir das Geld für einen Stand neuer Segel in der Rücklage.
  2. Damit die Rücklage nicht zu schnell abschmilzt, sind monatliche passive Einkommen notwendig, zum Beispiel durch die Vermietung des Familienwohnsitzes, durch weitere Mieteinnahmen, durch Renditen aus Wertpapierdepots oder aus eigenen Businesses. Letztere sind meist nicht 100% passiv, da wird dann auch unterwegs gearbeitet, wenn auch deutlich reduziert.
  3. Ein wichtiges Thema sind Mitsegler und Passagiere, zahlende und nicht-zahlende. Jede zusätzliche Person an Bord erzeugt zusätzliche Arbeit und Kosten, kann aber auch Arbeit und Kosten übernehmen. Die Frage ist nach dem fairen Anteil: Beim Proviant und der Mehrarbeit beim Housekeeping ist das noch am offensichtlichsten und am einfachsten aufzuteilen. Die verdeckten Mehrkosten (siehe unten) sind nicht so leicht verständlich, weil das Verursacherprinzip teilweise ausgehebelt wird. Zum Beispiel muss das Boot überhaupt groß genug sein und entsprechende Ausrüstung haben, um weitere Personen mitnehmen zu können. Passive Passagiere ohne Segelerfahrung helfen nur wenig bei der anfallenden Arbeit an Bord, machen aber auch nichts kaputt. Aktive, erfahrene Mitsegler leisten viel Arbeit, beanspruchen das Boot und der Verschleiß ist höher.
    Vor der Buchung der Flüge zum Ausgangshafen muss unbedingt festgelegt werden (und das ist nicht trivial), wie man in der Crew sowohl Arbeit als auch Kosten teilt. Ich versuche mal alle Varianten des Mitsegelns in drei Modelle einzuordnen:
    1. Passagiere sind zahlende Gäste/Kojencharter und beteilIgen sich nur gelegentlich (z.B. um etwas zu lernen) an der Arbeit der Crew. Je nach Revier werden zwischen 700€ bis 1.500€ zzgl. Proviant, im Premiumbereich 3.000-6.000€ pro Woche fällig. Letzteres ist eine attraktive Einkommensquelle für einige wenige Langzeitsegler, die ihr Boot entsprechend ausgelegt haben und das professionell als Job betreiben. Die Abstufungen hinsichtlich Professionalisierungsgrad in diesem Modell sind vielfältig.
    2. Mitsegler mit voller Arbeits- und Kostenteiligung (zum Proviant kommt die Kostenstruktur der Reise – siehe dazu nächstes Kapitel). Das sind die einzigen wirklichen Mitsegler, mit denen man alle Erlebnisse teilt und sich auch nach Jahren daran erinnert, die sich sowohl an der Arbeit als auch allen Kosten beteiligen.
    3. Deckshände ohne Kostenbeteiligung bzw. mit Bezahlung. Der Eigner oder Skipper der Familiencrew heuert hier zusätzliche Zeitarbeitskräfte für den Schiffsbetrieb an, d.h. sie übernehmen den Hauptteil aller anfallenden Arbeiten an Bord. Im Prinzip handelt es sich um die Rekrutierung bezahlter Profisegler oder junger Aushilfs-Hand-gegen-Koje-Segler. Segeln ist ihr Job. Letztere findet man übrigens über Aushänge in jeder Marina rund um den Atlantik.
    Die Übergänge zwischen den drei Modellen sind fließend. Es sollte allen Crewmitgliedern vor der Anreise klar sein, welche Arbeiten und Kosten sie übernehmen und welche nicht.
    Es gibt natürlich an Bord auch Gäste wie zu Hause, doch die bleiben normalerweise nur drei Tage, segeln nicht weit und eine Überlegung über Kosten- oder Arbeitsteilung wäre verfehlt.
  4. Wie schon angesprochen kann das Boot nach der Reise wieder verkauft werden. Normalerweise gibt es bei Booten keine Wertsteigerungen. Im Gegenteil wirken sich die Transaktionskosten, zum Beispiel durch Einschalten eines Maklers und eines Gutachters, negativ auf die Bilanz aus. Einige Segler machen sich Unterschiede in den lokalen Gebrauchtbootmärkten zu nutze und erzielen so eine Arbitrage/Marge, die einen Teil der Reise finanziert. Bisher kennen wir das nur von Australiern und Neuseeländern, die in Europa Boote kaufen und exportieren (ohne MwSt.) und diese in ihren Heimatländern (nach einer mehrjährigen Überführungsreise, unter besonderen Steuergesetzgebungen) wieder verkaufen. Sicher gibt es hier auch weitere Marktkombinationen, die wir bisher noch nicht kennen.

Die Kostenstruktur

Eine vierköpfige Familie kommt auf einer Langfahrt mit etwa 2.000-3.500€ pro Monat aus. Hinzu kommen eventuell Kosten, die an Land gezahlt werden müssen, wie Lagerkosten, Steuern, verschiedene Versicherungen, die nicht vor Abfahrt gekündigt worden sind usw.

Im Vergleich zum Landleben fallen auch viele Kosten weg: Miete und Auto oder Nahverkehr zum Beispiel. Strom und Wasser. Oder Kosten für Nachmittagsbeschäftigung der Kinder. Auch kann man nicht ständig in den Supermarkt oder die Shopping Mall, um Dinge zu kaufen. Das viele Kosten wegfallen, übersehen viele bei ihren Überlegungen, ob sie sich eine Langzeitreise leisten können oder nicht.

Umso hilfreicher zum Verständnis von laufenden Kosten einer Langzeitsegelreise ist eine saubere Kostenstruktur.

Zuordenbare Kosten (Bordkasse)

  • Proviant und Wasser: Für die vierköpfige Familie brauchen wir etwa 500-700€ pro Monat. Pro Gast kommen etwa 150€ on Top. Die Preise für Lebensmittel schwanken natürlich stark von Land zu Land, aber auch von Produkt zu Produkt. Importierte Lebensmittel sind sehr teuer. Lokale Produkte sind meistens gut, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig. Wasser zum Trinken produzieren wir vornehmlich mit dem Watermaker. Wasser zum Kochen und Waschen nehmen wir auch aus dem Schlauch in der Marina oder produzieren es mit dem Watermaker. Nur gelegentlich kaufen wir 5l-Kanister, die überall um die 3€ kosten.
  • Liegegebühren: Fünf bis sieben Tage pro Monat gehen wir für Wartungsarbeiten und Landausflüge in die Marina. Die Waschmaschine läuft auf Hochtouren, Proviant wird nachgebunkert, die Batterien durchgeladen, Wartungsarbeiten werden durchgeführt. Die Marinas kosten 30-40€ pro Tag. Teilweise kommen Kosten für Wasser und Strom oben drauf, etwa 15-30€ pro Hafenaufenthalt. Den Rest der Zeit segeln wir oder liegen wir vor Anker, was 0€ kostet.
  • Brennstoffe Wir brauchen Diesel für die ARGO und Benzin für das Dinghi und den Handgenerator. Einmal volltanken kostet etwa 300€ plus 5€ für Additive und reicht für etwa ein Monat. Zusätzlich verbrauchen wir für etwa 50€ Benzin im Monat. Gas: Eine 3kg-Gasflasche reicht bei uns etwa ein bis zwei Wochen. Nachfüllen kostet zwischen 6€ auf den Kapverden bis 18€ in Spanien, also сa. 40-45€ pro Monat.

Verdeckte Kosten

  • Langfahrtausrüstung: Für die Langfahrt über den Atlantik in die Tropen ist spezielle Ausrüstung erforderlich, die man im Mittelmeer oder der Ostsee nicht braucht. Diese sind je nach Ausrüstungszustand des Bootes und Fahrtgebiet unterschiedlich. Bei unserer Hanse 461 haben wir folgende Sachen nachgerüstet:
    • halbstarres Dinghi für 6 Personen für ein Leben am Anker: 3.500€, Außenborder 1.400€
    • geregelte Hochleistungslichtmaschine (Defizit bei allen Produktionsbooten, ist aber unverzichtbar) 2.500€
    • Watermaker 4.500€, Solarpanele und Regler, um autark am Anker zu sein 1.000€
    • Cruising-Anker, um nachts ruhig zu schlafen 900€
    • Elektronische ‚Person-über-Bord‘-Ortungsgeräte 1.500€
    • Satellitentelefon IridiumGO! 1.000€
    • Tiefkühler, unverzichtbar in den Tropen 1.200€
    • elektrische Toilette, zur täglichen Dauerbenutzung durch vier bis acht Personen 1.000€
    • Waschmaschine, sehr praktisch mit vielen Personen an Bord 450€
    • Segelnähmaschine und Ersatzteile, um Segel, Bimini, Sprayhood uvm. unterwegs selbst zu reparieren 1.500€
    • elektronische Seekarten, Handbücher und Wetterrouting-Software 1.300€
  • Versicherungen: Das Meer ist lebensgefährlich. Schiffe laufen auf Riffe auf, schlagen Leck, verlieren Masten oder – schlimmstenfalls – brennen. Versicherungen decken diese Kostenrisiken ab. Die ARGO ist zum Wiederbeschaffungswert von 180.000€ versichert (Kaufpreis + Langfahrtausrüstung). In einem echten Notfall kann ich mich als Skipper leicht für die Crew und Mitsegler entscheiden und brauche keine unverantwortlichen Risiken eingehen, nur um unser Eigentum zu schützen. Darüber hinaus haben wir eine Haftpflichversicherung, die wir in fast jeder Marina vorzeigen müssen (die gesunkenen Boote von Le Marin waren offensichtlich nicht haftpflichversichert). Hinzu kommt eine Insassenversicherung für unsere Crew und Mitsegler, die quasi wie eine Unfallversicherung funktioniert. Versicherungen werden nach Fahrtgebiet gestaffelt. Unsere kostet für 12 Monate im Fahrtgebiet Atlantik und Karibik etwa 4.500€.
  • Wartung und Instandhaltung sind im Schnitt etwa 500-800€ pro Monat. Beispiele der letzten drei Monate sind: Ölwechsel (60€, selbst durchgeführt), kaputte Segel (reparieren wir selber, Material wie neue Segellatte, Segeltuch, Repraturtape oder Garn kostet jeweils 50€), kaputte Bilgepumpen (180€), defekte Regler (350€), über Bord gefallene Winchkurbeln (100€), durchgescheuerte Reffleinen (150€), Ersatz-Gasdruckfedern (150€) und so weiter und so fort.
  • Kommunikation halten wir aufrecht über unsere Mobiltelefone, unsere Website und unser Satellitentelefon. Außerhalb der EU kaufen wir lokale SIM-Karten mit 10GB Daten pro Woche, was etwa 10€ kostet. Innerhalb der EU nutzen wir die Roamingfunktion unserer Prepaid-Karten (3 Karten a 20€). Das Website-Hosting kostet 66€ pro Jahr. Am teuersten ist das Satellitentelefon für 180 USD pro Monat, das aber auch eine wesentliche Komponente in unserem Sicherheitskonzept ist.

Sonstige Kosten

  • Restaurants: Ein Restaurantbesuch mit der Familie kostet im Schnitt 70-140€. Mit einem Budget von etwa 100€ pro Tag ist klar, dass das nur sehr selten stattfinden kann. Aber ganz verzichten wir natürlich nicht: Vielleicht zwei- bis dreimal im Monat entdecken wir die local cuisine.
  • Landausflüge: „Ich will nicht nur segeln und auf dem Boot abhängen, sondern ich will auch was vom Land sehen.“ Die Landausflüge gehören zu den schönsten Dingen, die man als Familie auf einer Langzeitsegelreise machen kann (siehe dazu Lena‘s Reiseblog). Die Kosten reißen regelmäßig ein Loch ins Monatsbudget: man braucht Taxis, Mietwagen, Fährtickets, Hotels, Eintrittskarten, Souvenirs und man muss sich unterwegs ernähren. Gleichzeitig liegt die ARGO in der Marina. Das treibt die Kosten statt der 100€ pro Tag auf etwa 200€ .

„Ihr könnt Euch das leisten“

Auf die Ankündigung unserer Reise haben einige unserer Bekannten, Freunde und Familienmitlglieder reagiert: „Ihr könnt Euch das leisten. Ich würde das auch gerne einmal machen, aber bei meinem Einkommen wird das wohl nie etwas.“ Das ist zugegebenermaßen frustrierend – für uns. Cruisingfreunde berichten von ähnlichen Erlebnissen – genauso frustrierend für sie.

Denn dies suggeriert, dass es Menschen mit einem Schicksal gibt, das ihnen eine Langzeitsegelreise erlaubt (wir) – und solche, denen das durch das Universum verwehrt wird (den anderen).

Das ist natürlich Unsinn.

Hinter dem Stemmen der aufgezählten Finanzen steckt, wie gesagt, ein Traum, eine hart erarbeitete, konkrete Vorstellung vom Leben, jahrelange Anstrengungen und sehr viele Kompromisse. Die Atlantiküberquerung mit Familie und Hund macht keiner aus einer Laune heraus plus der Portokasse.

Genauso wie mit Seekrankheit muss man sich mit substanzieller finanziellen Unbill auseinandersetzen. Die Kunst über Geld nachzudenken. Das Auge des Bauern macht die Kühe fett. Das geht mit einer Langstreckensegelreise nun mal einher.

Man kann auch an Land bleiben. Dann ist der Traum halt nicht stark genug.

Aber wen überrascht das wirklich.

Mr. Money-Mustache hat mich in den vergangenen Jahren inspiriert, über Geld nachzudenken und eine Regel herausgefunden: Geld und Selbstvertrauen korrelieren – je weniger Geld verbraucht wird, um so größer ist das Selbstvertrauen. Je geringer die Kosten sind, desto größer ist das Selbstvertrauen und die Zuversicht, dass die Reise gelingt.

Oder auch, dass das Leben gelingt.

Matt Rutherford ist vor einigen Jahren in einer 9m-Albin-Vega als Autodidakt und völlig allein 27.000sm nonstop um die beiden Amerikas gesegelt: Von der Chesepeak Bay (Nähe Washington DC) nach Norden durch die Nordwest-Passage in die Beringsee. Dann weit auf den Pazifik hinaus nach Süden, um Kap Hoorn herum, entlang der Küste Argentiniens, Brasiliens und der Antillen zurück in die Chesepeak Bay. Das alles mit einem Budget von ein paar 10.000 USD. Die Geschichte ist genauso faszinierend wie haarsträubend, aber Matt‘s Traum und seine Selbstdisziplin waren offenbar groß genug für diese Reise.

Ganz sicher lautet der Rat, den Matt jemanden geben würde, der den Traum vom Segeln hat: Mit einem eigenen kleinen Boot (Größe ist nicht entscheidend) auf kleinen Strecken beginnen, die rasch größer werden können. „Nur Mut!“, würde er sagen. Denn Segeln in entfernte Regionen ist keine Sache, die nur den ‚rich kids‘ vorbehalten ist.

Segeln über Ozeane ist Ausdruck von dem, was man wirklich will.

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