„To the man of business, there is nothing more offensive than the idea that potentially productive citizens are prone, inactive, staring at the ceiling, while he is bustling away doing something ‘useful’, like inventing new ways to sell popcorn to the masses or delivering summonses for non-payment of parking fines. Innaction appals him; he cannot understand it; it frightens him.” Tom Hodgkinson: „How to be idle“

Jetzt segeln wir seit 71 Tagen immer Richtung Westen. Wir hatten nie den Plan, mit 50 aus dem normalen Leben auszusteigen, um segeln zu gehen. Wir sind auch nicht „ausgestiegen“, sondern zu tun das, was uns uns wichtig ist. Oder sind wir es vielleicht doch irgendwie?

Sidi Ifni Beach Morocco

1. Familienzeit

Familie stand immer ganz oben auf unserer Liste wichtiger Dinge. Als Lena und ich uns kennenlernten, waren Lukas und Luise schon da. Und ich hatte einen Job als Unternehmensberater – montags morgen in den Flieger, am Donnerstag oder Freitag wieder zu Hause. An den Wochenenden wurde alles nachgeholt. Das war eine sehr gute und wahnsinnig intensive Zeit, aber eigentlich kam die Familie immer zu kurz.

Nur zwischen den Wechseln zwischen zwei Arbeitsverträgen hatte ich zwei bis drei Monate Auszeit, um mit der Familie zu verreisen. Und erst vor fünf Jahren, als wir als Familie ins Ausland gegangen sind, konnten wir jeden Abend unter einem Dach verbringen.

Die Kinder heute sind 10, 16, 23 und 25 Jahre alt. Man redet immer davon, wie schnell die Zeit vergeht und wie schnell die Kinder groß werden. Nur muss man es selbst erleben – und dann begreift man zu spät, dass die Kindheit der eignen Kinder für immer vorbei ist, sie erwachsen und aus dem Haus sind.

Wir hatten von Anfang an den Plan, irgendwann über den Atlantik zu segeln, mit der Familie. Der Rest war dann nur das Eingeständnis, das es nicht von alleine besser wird. Wir können bis zur Rente diese Pendeljobs machen, und die Familienzeit verpassen. Auf diese Erkenntnis folgte sehr rasch die Planung: Wann die Kinder aus der Schule kommen und das Haus verlassen bzw. wann sie in welcher Klasse sind, lässt sich leicht ausrechnen. Für uns ergab sich das Jahr 2019 – Ilja ist mit der 10. Klasse fertig und Mascha ist in der weniger kritischen 5. Klasse. Jetzt oder nie: Entweder wir nutzen dieses Fenster oder auch diese Chance vergeht.

2. Bewusster Leben

Wir sind eine durchschnittliche Familie mit durchschnittlichen Gewohnheiten, sowohl guten als auch weniger guten. Die Kinder gehen zur Schule, wir gehen arbeiten. Am Nachmittag spielt Ilja Hockey im Verein, macht Hausaufgaben und spielt Klavier Computer. Mascha macht Hausaufgaben, geht Tanzen, spielt mit Freunden, nimmt unwillig ihre Klavierstunden usw. Ich arbeite +50h in der Woche für meinen Arbeitgeber und reise viel. Lena hat die klassische Mehrfachrollen zu balancieren, bestehend aus Familie, Projektarbeit, Hausbau und Haushaltsführung. Wir essen gut zu Hause und feiern gerne mit Familie und Freunden (wir sind immer die Letzten, die zu Bett gehen). Und leider verbringen wir zu viel Zeit im Netz, auf Facebook, mit Netflix und den üblichen Zeitdieben.

Und so vergeht die Zeit und die Kinder wachsen. Bald sind sie aus dem Haus. Viel zu schnell. Und diese Zeit ist die Zeit unseres Lebens, die wir bewusst erleben wollen. Ohne Ablenkung, mit Fokus auf die wesentlichen Dinge.

3. Freiheit

„Busy is a decision.“ Debbie Millman

Unser Familienleben ist sehr stark um die viele Arbeit strukturiert, die ich für andere, für meinen Arbeitgeber leiste. Die Arbeit macht mit Spaß, keine Frage. Nicht immer, aber das ist wohl normal. Ein typisches Familienleben.

Jeden Montag geht jeder seinen Weg, ob das nun gerade sinnvoll ist oder nicht. Wir haben keine andere Wahl, auch wenn wir als Familie an einem Montag einfach zusammen schwimmen gehen wollen oder ein gemeinsames Projekt starten möchten. Oder einfach ein Runde Karten spielen wollen. Ja, normal – und wo ist jetzt das Problem?

Das Problem ist die fehlende Freiheit: Jeder – ob jung oder alt – ist permanent beschäftigt und kann kaum etwas dagegen ausrichten. Erst ist es die Schule. Wir haben die Wahl, eine besondere Schule zu suchen, welche unsere Kinder noch intensiver, noch effektiver beschäftigt. Dann die Arbeit. Die Jobs mit gutem Geld und vernünftigen Status sind äußerst – zeitintensiv. In der “Freizeit” können wir wählen, ob wir beschäftigt sind. „Sinnvoll“ ist sie meistens dann, wenn man sich beschäftigt.

Wir sind als Familie happy und wissen, was wir tun und was wir tun wollen. Wir brauchen nur die Zeit dafür. Dazu müssen wir die Kontrolle über unsere Zeit wieder zurück gewinnen. Einschließlich der Freiheit, Zeit in vollen Zügen zu verschwenden.

4. Kinder lernen wichtige Dinge

Die Schule ist doch eine Art Lernfabrik, in denen wir unsere Kinder abgeben. Wir vertrauen darauf, dass sie die richtigen und wichtigen Dingen lernen und delegieren diese wichtige Verantwortung an die Lehrer. Aber es gibt zu wenig Lehrer, zu große Klassen, einen Streit um Lehrmethoden und viele Lehrer sind demotiviert und haben ihr Engagement achselzuckend zurückgefahren. Das ist kein Vorwurf – wir haben allerhöchsten Respekt vor der Leistung von Lehrern. Wir sind nur nicht überzeugt, dass Schule die ultima ratio ist, wenn es um Bildung von Kindern in der heutigen Gesellschaft und den aktuellen Möglichkeiten ist.

Auf einer Reise lernt man andere Sachen. Ein Segelboot ist eine perfekte Lernumgebung: Physik, Mathematik, Sprachen, Geschichte, Geografie, Biologie werden jeden Tag praktisch erlebt und angewendet. Das Alltagsleben steckt voller praktischer Projekte: Einkaufen auf einem Souk, ein Segel reparieren, Bücher über Hochseefischen studieren. Die Schulklasse besteht gelegentlich in den Häfen aus den Kinder anderer Seglerfamilien aus aller Herren Länder. Dazu gibt es Horizonterweiterung und den neuen Perspektiven, die wir beim vagabundieren durch fremde Länder (wie zum Beispiel Marokko, den karibischen Inseln und Kuba) bekommen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die jahrelang von ihren Eltern auf einem Boot unterrichtet wurden, bessere schulische und sprachliche Fähigkeiten haben, als der Durchschnitt der Daheimgebliebenen. Mascha spricht bereits Englisch, ohne je eine Englischstunde gehabt zu haben.

Unterwegs lernen wir die interessantesten Menschen unserer Zeit kennen: Reinhard der nach der Wende eine Fluglinie mit IL-18 gründete. Jeff, dessen 21-jähriger Sohn (wie sein Vater) bei einer französischen Spezialeinheit dient. Jeff hofft jeden Tag, dass er seinen Sohn heil wiedersieht. Viktor, der in Russland acht Jahre im Gefängnis saß, jetzt mit Treibstoffen handelt und Segeln lernt. Mohamed aus Tanger, der drei Jobs macht um seine Familie durchzubringen und Spaß daran hat. Der Schweizer Christian, der ohne Vorkenntnisse mit seiner Partnerin ein Stahlboot in Stand gesetzt hat und in 50 Tagen von Südamerika nach Europa gesegelt hat. Drei Norweger-Familien mit kleinen Kindern, die mit ihren Beneteaus über Grönland wieder nach Norwegen zurückkehren wollen. Tim, der in 18 Monaten mit seiner Frau Kath und seiner fünfjährigen Tochter ein Segelboot von Italien nach Neuseeland bringt, nachdem er ein Jahr im Krankenhaus nach einem Motorradunfall gelegen hat. Abdu der Berber, der nach 30 Jahren in Marrakesh wieder ins Haus seiner Eltern in der Oase Eit de Mansour zurückgekehrt ist, um Touristen zu führen, Berber-Omlett zu servieren und die Ruhe zu genießen. Oder der Touareg Ifalan, mit dem wir in der Karawanserei am Rande der Sahara Tee getrunken haben und der sich nicht vorstellen konnte, das sich ein Segelboot nur mit dem Wind vorwärts bewegt.

Keiner von ihnen hat eine Biografie aus Schule-Job-Rente. Noch nicht einmal ansatzweise.

Das erleben Kinder, wenn man mit ihnen los segelt. Warum sollten wir diese Chancen nicht nutzen?

5. Die ARGO, unser Minimal-Raumschiff

Es sind mehr Menschen in das Weltall geflogen, als alleine non-stop um die Welt gesegelt. Der Ozean ist immer noch eines der Gebiete unserer Erde, das sich einer vollständigen Kommerzialisierung durch Industrie und Tourismus entzieht – einfach aufgrund seiner schieren Größe. Viele Segler vergleichen das Dasein auf einem Boot draußen auf dem Ozean mit einem Raumschiff – man hat nur das zur Verfügung, was man eingepackt hat und ist komplett auf sich gestellt. Draußen auf dem Ozean kommt kein Helikopter zur Abholung oder bringt ein fehlendes Ersatzteil.

Beim Cruisen mit einem Segelboot geht es am Rande auch tatsächlich um Segeln. Es ist besser vergleichbar mit dem Leben in einem Caravan, nur auf dem Wasser, in der Einsamkeit eines Ankerplatzes. Wir segeln derzeit etwa jeden 10. Tag. Der Rest ist Bordroutine, die aus Arbeiten, Lernen, Landreisen und Zeitverschwendung besteht.

Wir hängen teilweise tagelang an einem Ankerplatz, alleine mit uns. Wir sind happy, haben alles, was wir gerade brauchen. Unsere ARGO hat sämtlichen Komfort, einschließlich Kühlschrank und Heizung. Sie ist vollgestopft mit Büchern für den Fall, dass wir endlich mal dauerhaft die Mobilfunkabdeckung verlassen. Wir machen vormittags Schule, bauen am Boot. Nachmittags und Abends erkunden wir das Land, kaufen ein und kochen, spielen Karten oder schauen ein Film.

Wir sind ungefähr mit 120 Kubikmetern Möbeln und persönlichen Sachen vor fünf Jahren nach Barcelona gezogen. Ende Juni diesen Jahres sind wir mit 8qm auf das Boot gezogen. Und beim Wegstauen der Sachen haben wir noch einmal aussortiert und weggeben bzw. weggeworfen.

Man braucht wirklich nicht viele Dinge zum Leben, wenn man ein Segelboot hat.

Was jetzt – ist nicht genau DAS „Austeigen“?

Wir werden zurück kommen und das Landleben weiterführen. Mit Arbeit und Schule und allem drumunddran, nur anders. Ilja und Mascha sollen die Schulabschlüsse machen und vielleicht auch einmal studieren. Also, wir steigen auf keinem Fall aus.

Und trotzdem wollen wir dem Ende der Reise noch nich vorweg greifen. Zur Zeit ‚skiven‘ wir – Boris Johnson hat mich auf den Begriff gebracht, als er Homeoffice-Worker während der Olympiade in London als ‚Skiver‘ beschimpfte. Und Tom Hodgkinson („The Idler“) hat dazu diese fantastische Umschreibung geliefert:

„Skiving is a direct art of revolt against the arid philosophies of living that we‘re indoctrinated with at school and at work, the notion of suffering now, pleasure later.“

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SV ARGO and SV ACAPULCO

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When the CORONA virus hit the world, we have been forced to stop sailing, forced on anchor. Our family together with our fellow-cruisers went into an Retreat, to say the least. In the retreat iour ambitions sometimes develop afresh.
ARGO_tender

Day #267 – A decision not to cross the Atlantic in 2020

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While the World is in lock-down, neither traveling nor cruising is possible, reasonable or advisable. We could move with our boat across the oceans, but getting from A to B in the shortest time is for freighters, delivery crews or regatta boats, but not the point of our Atlantic Circle, right?
Luftaufnahme der Argo 20.05.2019

Tag #160: Was kostet eine Langzeitsegelreise über den Atlantik?

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Genauso wie mit Seekrankheit muss man sich bei einer Langzeitsegelreise mit substanzieller finanziellen Unbill auseinandersetzen. Hier schreiben wir über Träume, ‚stop the bleeding‘ und Kostenstrukturen. Und die untergegangenen Träume in den Riffen von Le Marin/Martinique.